Gehaltvolle Mittagspause

Hier im Ort gibt es einen Metzger, der im hinteren Teil seines Ladens einige Tische und Stühle stehen hat und für Gäste gutes und günstiges Essen bereit hält. Dort gönnte ich mir heute eine Portion leckeres Putengeschnetzeltes.

Am Nachbartisch saßen Erwin und Klaus. Das hat mich sehr gefreut: ein gutes Essen, Blick hinaus auf den kleinen Kanal und die beiden Rentner, die sich angeregt über alte Zeiten unterhielten. Wobei eigentlich unterhielt sich nur Erwin. Klaus war ein braver Zuhörer und Erwin hatte anscheinend eine sehr lange und interessante Geschichte zu erzählen. Der Raum ist nicht besonders groß und der Tisch der beiden Lichgraubehaarten steht sehr nahe bei meinem, und so verstehe ich jedes Wort ohne Probleme. Die Geschichte spielt zu Zeiten, da Erwin noch berufstätig war. Für irgendeine Besorgung hatte er von seinem damaligen Chef die Befugnis und 100,- DM bekommen. Worin genau dieser Auftrag bestand, das hatte ich entweder verpasst oder es war für die Geschichte selbst von zu nebensächlicher Bedeutung.

Alles, was ich von der Geschichte bis zum Verlassen des Raumes behalten konnte, war, dass Erwin damals sogleich seine Frau anrief und ihr von seinem Auftrag berichtete, diese es ihm nicht glauben wollte und er bekräftigen musste, dass es wirklich so sei! Gleiches wiederholte sich mit einem Bekannten, den er auch von der Tatsächlichkeit seines Auftrages mit Nachhalt überzeugen musste. Alle weiteren Details der Erzählung konnte ich mir leider nicht merken, da ich diesen Filter in meinem Hirn habe, der alles, das von vornherein als eindeutig unbedeutend erkannt wird, nicht meinen Speicher belasten lässt.

Ich dachte dann irgendwann über Klaus nach. Wie konnte er dieser Geschichte voller nichtssagenden Nichtigkeiten folgen? War es Erwins Art, die ihn fesselte? Man hätte meinen können, er erzähle, wie ihm das Jahrhundertereignis schlechthin widerfuhr. Immer wieder äußerte Klaus sich zu der Erzählung mit Lauten, die seine Aufmerksamkeit beweisen sollten. „Hmmm“, „ja“ oder „aha“ und „oh“. Da war mir schnell klar, dass es ihm genauso ging, wie mir. Er tat sich schwer, einen Grund zu finden, dieser Geschichte Konzentrationsenergie zu opfern. Ich fragte mich nur, wie bewusst es ihm war, dass er Interesse vorspielen musste…da entlarvte sich Klaus mit einer einzelnen Frage als Profi dieses Spiels. Es war eine Frage, die gestellt werden konnte, ohne dass man sich Sorgen machen musste, sie passe nicht zu dem Inhalt. Gleichzeitig deutete er damit an, dass ihm die Informationen nicht tiefgreifend genug waren und er mehr über die Hintergründe wissen wollte. Die Frage war so einfach wie sie genial war: „Wie alt warst du damals eigentlich?“

Erwins Antwort war aber dann mindestens genauso verblüffend, gleichzeitig muss sie für Klaus erleichternd gewesen sein: „Unterbrich mich bitte nicht, ich verlier sonst den Faden!“ Erwins Bestreben war also wirklich eine monologische Unterhaltung und Klaus konnte sich getrost wieder in den Amateursessel des Interesse-Vortäuschers zurücklehnen und sich mit den „hmms“, „ahhs“ und „ohhs“ zufrieden geben.

Vereinsamung im Miteinander

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