Frühling und Herbst

In meiner Nachbarschaft wohnt ein kleiner Junge, na ja so etwa elf oder zwölf Jahre wird er sein, der in der ebenfalls nahe gelegenen Klosterkirche ministrieren geht. Er sagt, er macht das gerne und hat es schon gerne tun wollen, bevor er es überhaupt durfte, also vor seiner Erstkommunion. Aber als es dann soweit war, da war er nicht mehr zu halten und ministrierte sehr viel. Es wird immer aufgeschrieben, wer wann gedient hat und am Ende des Jahres gibt es dann je nach Leistung größere oder kleinere Weihnachtsgeschenke. Stolz hat er mir erzählt, dass er in einem Jahr mit 372 Gottesdiensten nicht mehr zu schlagen war.

Natürlich kennt er auch – zumindest vom Sehen – die meisten Stammbesucher. Besonders diejenigen prägen sich ihm gut ein, die in den frühmorgendlichen Wochentagsmessen in den spärlich besetzten Bänken sitzen. Oft bietet sich ihm dabei taglang das immer gleiche Bild wenn er von seinem rot gepolsterten Stühlchen neben dem Priester sitzt und nach unten sieht. In der ersten Reihe in der von ihm aus rechten Seite sitzt immer ein alter Mann, der nur mehr sehr langsam gehen kann und mal ein Kissen mitgebracht hat, damit er weicher sitzt. Wenn nach der Messe die Kirche leer ist und Max noch Kelch und Hostienschale in die Sakristei bringen muss und die kircheneigenen Gebetbücher einsammelt und in die Holzkiste am Eingang sortiert, dann ist dieses an den Nagel vor des alten Mannes Platz hängende Kissen das einzige, das durch sein sanftes Baumeln daran erinnert, dass vor kurzem noch jemand hier war. So sieht nicht nur Max die fleißigen Kirchenbesucher, sondern diese auch den fleißigsten Ministranten des Klosters. Stillschweigend bewundern sich die beiden Seiten gegenseitig, wenn auch auf eine sehr unterschiedliche Art.

Unter der Woche geht Max nach der Messe direkt in die Schule, nur an den Wochenenden und während den Ferien geht’s nach Hause. Und an einem solchen Tag muss es passiert sein, dass er den langsamen, alten Mann eingeholt hat, denn auch dieser wohnt nicht weit von hier und Max hat vor kurzem erst erfahren, dass er immer an dessen Haus vorbeilief. Da er ihn ja gewissermaßen kannte, grüßte er und der Alte grüßte zurück. Er hat eine etwas heisere Stimme, wirkte aber gleich sehr freundlich auf Max. Dies ging einige Male so, bis eines Tages der alte Mann nach der Begrüßung den Jungen daran hinderte zügig weiterzugehen, indem er ihn fragte, wie ihm die Messe gefallen habe. An diesem Tag war Hochamt, also eine Sonntagsmesse mit Predigt. Max gab eine etwas verlegene und knappe positive Antwort. Da er aber schon sein Gehtempo dem alten Mann angepasst hatte, wollte er nicht gleich wieder beschleunigen und stellte die Gegenfrage. Ihm habe sie auch sehr gut gefallen, meinte der Alte, nur dass er mit der Predigt ein Problem hatte. Er habe sie schlicht nicht verstanden. Eine kurze Schnaufpause machte Max deutlich, dass er sie auch nicht erklären könnte, denn eigentlich hatte er sie auch nicht verstanden. Für so alte Menschen wie ihn, meinte der Mann, seien so lange und auch komplizierte Predigten einfach nichts mehr. Max wusste nicht so richtig, was er danach noch sagen sollte und nach ein paar Schritten verabschiedete er sich und war froh, als der Alte ganz lieb meinte, er solle ruhig gehen und brauche wirklich nicht mit ihm in diesem Schneckentempo nach Hause schleichen.

Seit dann führten die beiden jedes Mal, wenn sie sich begegneten, ein kurzes Gespräch, manchmal auch etwas längere und Max erfuhr, wo der alte Mann seine Wohnung hat und auch, dass er Herr Steinmetz heißt. Die Gespräche wurden immer etwas länger und auch traute sich Max immer mehr Fragen zu stellen. Etwa wollte er wissen, ob sein alter Wegkumpane früher als Steinmetz gearbeitet hat. Oder warum er so hohe Absätze an seinen Schuhen hat. Herr Steinmetz beantwortete Max nicht nur seine Fragen, er erzählte ihm auch sonst immer recht viel. Wenn ich Max aber fragte, wovon Herr Steinmetz denn erzählt, wusste er immer nicht so genau, was es eigentlich war. Als ich wissen wollte, ob er es denn schlicht vergessen würde, wurde Max etwas rot im Gesicht und zuckte mit seinen Schultern.

Aber es gefalle ihm sehr gut mit Herrn Steinmetz und mittlerweile geht er auch schon öfters mit ihm in seine Wohnung. Dieser zeigt ihm dann verschiedene Heiligenbilder, es riecht immer recht streng nach irgendeiner Creme, mit der man sich einreiben kann, um seinen Husten wegzubekommen und jetzt in der Weihnachtszeit gibt Herr Steinmetz dem Max auch jedes Mal einen Lebkuchen mit. Immer ist es einer von den braunen, dabei mag er doch die weißen am liebsten, aber er sagt nichts, bedankt sich und Herr Steinmetz lächelt glücklich.

Max gefällt es bei Herrn Steinmetz so gut, dass er schon nach jedem Ministrieren darauf hofft, ihn zu treffen. Ein paar Tage vor Weihnachten war vom ersten Moment der Messe an ein komisches Gefühl in Max’ Bauch: Der Platz seines Freundes war leer und das Kissen hing so an dem Haken, als würde es jemand anders dort vergessen haben. Diese halbe Stunde war eine der längsten, die Max erlebt hatte, denn er beschloss sofort, als er sah, dass Herr Steinmetz fehlte, auf dem Heimweg bei ihm zu klingeln und nachzusehen, warum er nicht da ist. Wie beruhigt war er, als Herr Steinmetz die Türe öffnete und ihm mit ganz ruhiger Stimmer erklärte, er habe heute ersatzweise zu Hause einen Rosenkranz gebetet und sei deshalb nicht in die Kirche gegangen, weil er nicht gehen könne, da der Boden gefroren und spiegelglatt ist. Daran hatte Max gar nicht gedacht, dass die alten, doch sehr ungeschickten und etwas lahmen Beine des Herrn Steinmetz mit diesem Bodenfrost ihre Probleme hatten. Da war der Tag wieder in Ordnung.

Als ich Max einmal fragte, warum genau er eigentlich so gerne bei Herrn Steinmetz sei, schaute er mich mit großen Augen und einem glücklichen Gesicht an, und sagte, so als sei er stolz, die Antwort zu wissen: „Ich weiß nicht!“

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