Die Socke

Ich hab mich überreden lassen, bin mitgeschwommen und gestern Abend im Tanzpalast in tief dörflicher Gegend gelandet. Man verstehe ‚Tanzpalast’ nicht falsch, es handelt sich schon um eine richtige Disco mit Live-Bühne, Danc-Area und einigen weiteren Ebenen. Der erst Eindruck beim betreten der Räume: die müssen mich mit meinen fast 30 für nen Opa halten. Und wenn nicht, dann wirken sie aber umgekehrt alle sehr sehr kindlich auf mich. Aber dadurch, dass sie harte Getränke bekommen und trinken und mit dem richtig abgebrühten Gesichtsausdruck rauchen, sind sie schon sehr erwachsen, das merken sie selbst am besten.

‚Gesichtsausdruck’ ist so ein Stichwort. Je später die Stunde, desto voller der Laden und ein Gang aufs Klo oder in andere Bereiche war immer mit sehr viel und engem Körperkontakt verbunden – unvermeidlich. Ein oder zwei Mal ist es mir dabei passiert, dass ich versehentlich, weil unkontrollierbar, etwas fester an jemand anderen gestoßen bin, oder dass auf etwas freierem Terrain der mir entgegen kommende und ich uns auf die gleiche Seite ausweichen wollen. Jedenfalls: bei derartigen engeren Zusammenstößen war die Reaktion trotz meines Grinsens immer die gleiche: noch böser schauen, leicht provozierend werden, Nase und Kinn hochzucken lassen mit der Schulter absichtlich gegenschubsen und ‚hey was willsu, alder’ denken. Viel show mit aggressivem Potential.

Ebenfalls viel show gab’s an der und um die Tanzfläche. Die Fläche selbst war eigentlich immer leer, aber drumherum drängten sich die schönsten der Schönen. Braune Häute, heiße Bräute, blumig-stechende Düfte aber keine tanzende Hüfte [der Reim wollte unbedingt dabei sein ;-)]. Habe ich immer gesagt? Nein, nicht immer war die Tanzfläche leer. Zwei Jungs haben sich erbarmt, oder ich sollte besser sagen: haben von den Umherstehenden erwartet, dass diese sich erbarmen und sind ins Zentrum. Der eine von beiden war dem Aussehen und der Frisur nach ein Billy Idol-Verschnitt, nur dass er nicht lederig angezogen war, sondern einfach ein rotes T-Shirt und eine Jeans trug. Billy hat einfach getanzt, weil ihm danach war und er sich nicht um die umherstehenden kümmern wollte – gut so. Dann war da aber noch der andere, der lebte seinem Outfit nach noch vor seiner Geburt, in den frühen Achtzigern. Er trug eine weite Jeans, deren Farbe von hellblau in dunkelblau und wieder zurück wechselte und die übervoll mit kleinen Spiegelscherben behaftet war. Sein T-Shirt war sehr kurz und durchlöchert und seine Haare waren nackenlang, dauergewellt und er zähmte seine Mähne mit einem sehr breiten und schwarzen Stirnband. Bevor er aber anfing, pseudo-breakdance-Bewegungen zu machen, griff er in seine Hosentasche, nahm zwei weiße Handschuhe heraus (nebenbei viel noch etwas anderes aus der Tasche, das später noch Bedeutung bekommen sollte, das er aber jetzt sofort wieder einsteckte) und zog diese an. So konnte man unter dem Schwarzlicht immer gut sehen, ob er gerade mehr auf seinen Oberkörper zeigte oder eher auf seine Füße, je nachdem, wo er das nächste große Zucken erwartete. Nennen wir ihn Schimmi.

Billy und Schimmi tanzten so vor sich hin, allerdings wollte Schimmi immer mal wieder so was wie einen Dance-Contest anzetteln, auf den Billy aber nicht einging. Schimmi schubste ihn und reizte ihn, aber Billy blieb ruhig. Schimmi schüttelte immer wieder verständnislos seinen Kopf und versuchte mit seinen fuchtelnden weißen Handschuhen die Umherstehenden zu Anfeuerungsrufen anzutreiben, das blieb vergeblich und so griff er zu härteren Maßnahmen: er nahm Anlauf Richtung Billy und rutschte diesem, eigentlich mehr wie ein Fußballer, vor die Füße. Keinen, außer Schimmi selbst, hat das beeindruckt. Was er allerdings nicht bemerkte: bei dieser waghalsigen Aktion verlor er seinen Hosentascheninhalt. Billy bemerkte es, grinste zum ersten Mal, da es sich nämlich um ein Paar graue Socken handelte, hob sie auf und gab sie Schimmi zurück.

Weiter hab ich leider nicht mehr zugesehen, habe den Abend unter ‚Sightseeing’ eingeordnet und abgehakt und bin nach Hause gefahren. Hier mit viel Sausen im Ohr und noch anhaltender Verwunderung, setzte ich mich zunächst noch vors TV. Auf VOX werden zwei Menschen von einem Riesenameisenhaufen verschluckt, auf nem anderen Sender läuft ein Stephen King-Shocker, bei dem ein Mann mit einer Motorsäge in einer Scheune zwei andere Menschen jagt, diese immer nur leicht erwischt, ihnen also tiefe Schulter oder Bauchschlitze besorgt, bevor er dann selbst bei einem Sturz von tausend (oder vielleicht nur etwa 12) Spießen durchbohrt wird. Weitergezappt wird mir wiederum unter Androhung von Schlägen befohlen, bestimmte Telefonnummern zu wählen, Susi oder Uschi würde schon auf mich warten und letztlich finde ich nach den Ausflügen in Aggression, Horror und Angst und Erpressung doch noch die heile und zufriedene Welt:

Diese Frau ist einfach glücklich, sehr glücklich, wie man sieht, weil sie ihre Haarpracht mit Babyfliss, dem Kombi-Hairstyler verschönern konnte. So habe ich gut schlafen können!

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