…auch nur Menschen

Das Rotfell hatte einen Cinquecento, meine Schwester einen Bambino, ein Schulfreund seinen Panda, Bruce hatte einen grünen Seat Marbella und ich, ich hatte meinen VW Derby. Er war gelb mit einem unverwechselbaren schwarzen unteren Rand. Er war mein erster Wagen als ich mit 18 den Führerschein hatte und er musste einfach zu mir passen, weil er und ich nicht nur im gleichen Jahr, sondern auch im gleichen Monat gebaut wurden. Er war unglaublich zuverlässlich, sprang immer an, auch wenn er mangels Garage im tiefsten Winter durchgefroren war, einmal den Schlüssel umgedreht und er war bereit und arbeitswillig.

Er hatte seinen eigenen Geruch, wie ihn jeder von uns auch hat. Manchmal meinte er es mit seinem Duft etwas zu gut, lenkte vieles davon in den Innenraum und man bekam leichte Räusche von dem benzinhaltigen Dampf. Er meinte es natürlich nur gut. Leider half dieser Geruch nicht, die im Winter von innen angefrorenen Scheiben frei zu machen, ein Kratzer musste immer auf dem Beifahrersitz liegen.

Eine seiner besondersten Besonderheiten war, dass er sich Tage gönnte, in denen er den ersten Gang pausieren ließ, und bisweilen genehmigte er sogar dem zweiten Gang eine größere Pause. Das bedeutete, dass man häufig dazu gezwungen war, im dritten Gang anzufahren. Bei einem 4-Gang-Getriebe nicht die einfachste Aufgabe. Da wir uns aber gegenseitig so gut kannten, zeigte er mir das außergewöhnliche Spiel der Abstimmung zwischen Gas und Kupplung, so dass ich das hinbekam. Für viele Fremdfahrer, die sich meinen Derby ausleihen wollten, war das aber ein großes Verhängnis. Er war eben nur für mich gedacht!

Als wir dann beide mitten im 20. Lebensjahr waren, da mussten sich unsere Wege leider trennen. Ich ging in die USA und er sollte eigentlich zum TÜV. Allerdings war dieser Weg ohne Aussicht auf Erfolg aufgrund ungeheurer Bodendurchrostung und so fuhr ich mit ihm nochmal ins Grüne zum Großen Abschied. Er wurde dann verwertet und ich bin mir sicher, dass Teile von ihm noch ein gutes Werk in vielen anderen Fahrzeugen tun.

Er lebt weiter – das letzte Bild:

derby+iwi

3 Gedanken zu „…auch nur Menschen

  1. Rotfell

    ah, endlich der Beitrag, auf den ich schon so lange warte. 🙂 Süßer Kleiner und eine ganz individuelle Farbe. Bei meinem Cinquecento war der fünfte Gang häufig versteckt, weswegen ich ihn manchmal erst mit Rühren fand (ähnliches Spiel mit dem Rückwärtsgang)…das mußte ich mir schnell mit dem Corsa abgewöhnen.

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  2. Iwi

    Musste bei meinem Folgeauto auch erst lernen, mit der Leichtigkeit umzugehen: die Kupplung hatte fast kaum Widerstand, die Gangschaltung flutschte nur so dahin und obendrein hatte ich auf einmal auch Servolenkung. Ich verlor ein wenig das Gefühl, hier wirklich ein Auto zu bewegen, das ich bei meinem Derby noch hatte.

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